Quest Update

Christian Huberts

"All work and no pay makes Chris a dull boy."

Darum sucht er jederzeit nach spannenden Aufträgen als Freiberufler und/oder einer Festanstellung in den Bereichen Gaming, Kulturvermittlung, Öffentlichkeitsarbeit, Kuration, Beratung, Lehre, Forschung, Recherche, Kulturjournalismus, Redaktion oder Lektorat. Mehr zu seinem Profil gibt es hier im Blog, auf der offiziellen Homepage sowie bei Xing und torial.

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Sonntag, 20. November 2011

Adaption, die:

Jedes Spiel beginnt mit dem Prozess der Adaption des Spielers an die Regeln des Spiels. Das Ergebnis der Anpassung ist die scheinbare Kontrolle des Spielers über das Spiel. Doch das Gegenteil ist der Fall.

Ein blauer Elefant, eintönige Grafik und nervtötender Polka-Soundtrack – man macht uns die Gewöhnung nicht leicht. THIS IS THE ONLY LEVEL ist ein Spiel wider die Adaption. Denn der Weg der Anpassung ist tückisch. Je mehr wir ein Spiel verstehen lernen, sein Interface verinnerlichen und die Regeln zu unserem Vorteil nutzen, desto mehr fühlen wir uns in der Kontrolle. Ein Spiel zu bedienen, Macht zu haben über das Geschehen auf dem Bildschirm, sorgt für eine herrliche Euphorie, die Selbstreflexion von vornherein erschwert. Wer möchte im Moment des Triumphes schon darüber nachdenken, ob er gerade nicht vielleicht getäuscht wird? Doch genau das ist der Fall. Nicht wir steuern das Spiel, das Spiel steuert uns. Ohne es wahrzunehmen, haben wir dessen Regeln als unsere eigenen akzeptiert und uns damit selbst entmachtet. Als Belohnung für diese Adaptionsleistung bekommen wir höhere Zahlen, buntere Welten und fröhlichere Melodien geschenkt. Das Spiel sendet uns ein liebenswertes Spiegelbild unserer Anpassungsfähigkeit. Wir sind Narziss, verliebt in ein prozessiertes Selbst. Konfrontiert mit den nächsten Leveln und Herausforderungen, glauben wir fest etwas Fremden zu begegnen. Aber es sind nur wir, adaptiert an das System des Spiels und zu dessen Schatten geworden. Und wie der Narziss in Ovids Mythos werden wir früher oder später im Spiel ertrinken. Abstumpfen. Verdummen. „Wenn er sich nicht selbst erkennt“.

THIS IS THE ONLY LEVEL stellt alles auf den Kopf. Wir üben uns nicht einmal in Adaption an die Regeln, um dann damit zahlreiche Level zu absolvieren. Nein, nun haben wir nur noch einen Level zu bestreiten und müssen uns dabei dutzendfach an neue Bedingungen und Regeln gewöhnen. Mal ist alles so wie wir es kennen: Steuerung über die Pfeiltasten, ein Schalter öffnet den Ausgang und der Ausgang schickt uns in den nächsten Level – zurück an den Anfang von Level 1. Dann ist die Steuerung invertiert. Als nächstes können wir fliegen. Und wieder als nächstes können wir nicht mehr springen. Erneut am Anfang von Level 1 und die Schwerkraft spielt verrückt. Eben noch haben uns Stacheln getötet und nun dienen sie als Trampolin. Gerade noch hat der Schalter eine geschlossene Tür geöffnet und jetzt schließt er eine bereits geöffnete Tür wieder zu. Manchmal sieht die geschlossene Tür geöffnet aus und die offene Tür geschlossen. Und dann reißt uns das Spiel völlig aus sich heraus, lässt den Ausgang permanent verschlossen und verweigert uns den Fortschritt zu Level 1. Frustriert beenden wir THIS IS THE ONLY LEVEL und kehren erst ein paar Tage später wieder zurück. In der Zwischenzeit hat sich Level 1 von ganz alleine gelöst, nur durch unsere Abwesenheit, unsere Abgabe von Kontrolle. Das Spiegelbild schlägt Wellen. Wir erkennen uns im Spiel wieder. Nicht als die Person, die die Kontrolle hat, sondern als der Narr, der nach der Pfeife des Spiels tanzt. Wir sind wieder wach. Aufmerksam. Ein blauer Elefant. Wie dämlich eigentlich?!


In dem Flash-Spiel THIS IS THE ONLY LEVEL muss der Spieler einen einzigen Level 30 mal absolvieren. Der Clou ist, dass sich bei jedem Durchlauf die Regeln verändern. Spielen kann man THIS IS THE ONLY LEVEL hier.
(Ursprünglich erschienen auf subpool.de)

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Character Info

Christian Huberts

Christian Huberts, Diplom-Kulturwissenschaftler, Jahrgang 1982, studierte »Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis« an der Universität Hildesheim.

Zur Zeit ist er freiberuflicher Redakteur für das Games-Bookazine WASD, kuratiert Texte auf piqd sowie tritt regelmäßig als Experte für digitale Spiele auf Kulturveranstaltungen auf. Er hat zuletzt an der GA Hochschule in Berlin doziert und den Game Studies-Sammelband »Zwischen|Welten: Atmosphären im Computerspiel« im vwh-Verlag herausgegeben. Daneben schreibt er für wissenschaftliche Publikationen, Kulturmagazine sowie Online-Zeitungen diverse Artikel über die Partizipation an virtuellen Welten und die Kultur von Computerspielen.

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