Quest Update

Christian Huberts

"All work and no pay makes Chris a dull boy."

Darum sucht er jederzeit nach spannenden Aufträgen als Freiberufler und/oder einer Festanstellung in den Bereichen Gaming, Kulturvermittlung, Öffentlichkeitsarbeit, Kuration, Beratung, Lehre, Forschung, Recherche, Kulturjournalismus, Redaktion oder Lektorat. Mehr zu seinem Profil gibt es hier im Blog, auf der offiziellen Homepage sowie bei Xing und torial.

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Sonntag, 6. November 2011

Zeit, die [II]:

Der thermodynamische Zeitpfeil hat im Computerspiel keine Gültigkeit. Der Verlauf der Zeit geht nicht zwingend einher mit einer Zunahme der Entropie. Ereignisse lassen sich nicht nur räumlich aus verschiedenen Winkeln betrachten, sondern auch zeitlich.

Dieser Text ist ein einziger Spoiler! Also Vorsicht beim Weiterlesen, denn ich werde die Pointe von BRAID verraten! Ich meine es ernst! Ich bin ein Spielverderber! Tim hingegen ist ein Held. Ok, er hat auch einen Fehler gemacht. Deswegen hat ihn seine Prinzessin einst verlassen. Doch nun will er das rückgängig machen. Er will an den Zeitpunkt zurück, zu dem sie ihm den Rücken gekehrt hat. Doch um das zu erreichen, muss er tief in das Geflecht von Raum und Zeit eingreifen. Der Spieler durchquert mit Tim Welten, in denen er die Zeit kurz zurückdrehen kann, um einen just begangenen Patzer wieder ausbügeln zu können. Er betritt Level, in denen die Zeit von dem Ort abhängig ist, an dem Tim sich gerade befindet. Einmal muss er sich sogar selbst, als Schatten der Vergangenheit, in der Gegenwart zu Hilfe kommen. Aber schließlich, nach gründlichem Nachdenken und Ausprobieren, hat er es geschafft. Die Zeit läuft rückwärts. Der Zeitstrahl des Kosmos ist umgedreht, Tim seiner Prinzessin ganz nah. Ein bärtiger Kerl hält sie fest im Arm. Sie entwindet sich seinem Griff und ruft um Hilfe. Doch Tim kann sie nicht erreichen. Die Prinzessin läuft zu ihrem Haus und betätigt auf dem Weg Schalter und Mechanismen, die Tim helfen sollen zu ihr zu kommen. Und auch der Spieler läuft, überwindet mit Tim Fallen und Gräben, um zu ihrem Haus zu gelangen und bei ihr zu sein. Schließlich hat er es geschafft. Tim steht seiner Prinzessin gegenüber. Doch etwas stimmt nicht. Eine Fensterscheibe trennt die Beiden. Nichts passiert, die Welt steht still. Und der Spieler wundert sich, warum er all die Mühen zusammen mit Tim auf sich genommen hat, um jetzt in einer Sackgasse zu stehen. Der einzige Weg, der noch bleibt, ist die Richtung der Zeit wieder umzukehren. Und plötzlich schlägt die Erkenntnis mit voller Wucht zu: Erst im Rückwärtsgang offenbart sich die wahre Reihenfolge der Ereignisse. Die Prinzessin erblickt Tim am Fenster und erschrickt. Sie dreht um und läuft. Auf dem Weg betätigt sie Schalter und Mechanismen, die Tim den Weg versperren sollen. Er läuft hinter ihr her, überspringt Fallen und Gräben, kann gerade so die Türen durchqueren, die die Prinzessin vor ihm zu schließen versucht. Sie erblickt einen bärtigen Ritter und ruft ihn um Hilfe an. Der Spieler kann nur noch dabei zusehen, wie sie ihrem Retter in die starken Arme springt. Tim ist kein Held. Er ist ein obsessiver Stalker, jemand, der die Zeit verzerrt, um die traurige Wahrheit nicht akzeptieren zu müssen. Ich hingegen bin ein Held. Denn erst wenn man genau hinschaut, den richtigen Standpunkt einnimmt und von der Gegenwart aus zurück in die Zukunft blickt, begreift man, wie es wirklich war. Ich habe diesen Spoiler nicht geschrieben. Ich habe ihn wie Ihr nur gefunden und dann gelöscht. Buchstabe für Buchstabe habe ich ihn weggetippt. Niemanden sollte der Spaß an BRAID mit einem Spoiler verdorben werden. Am Ende ist nur noch ein weißes Blatt Papier übrig. Aber zurückdrehen sollte man die Zeit nicht mehr!


BRAID ist eine Mischung aus Jump‘n‘Run und Puzzle-Spiel. Die Rätsel lassen sich nur durch Manipulation der Zeit lösen. Eingerahmt wird das Spiel von einer Geschichte über Liebe, Vergebung, Obsession und der Atombombe. Weitere Informationen findest du hier.
(Ursprünglich erschienen auf subpool.de)

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Character Info

Christian Huberts

Christian Huberts, Diplom-Kulturwissenschaftler, Jahrgang 1982, studierte »Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis« an der Universität Hildesheim.

Zur Zeit ist er freiberuflicher Redakteur für das Games-Bookazine WASD, kuratiert Texte auf piqd sowie tritt regelmäßig als Experte für digitale Spiele auf Kulturveranstaltungen auf. Er hat zuletzt an der University of Applied Sciences Europe in Berlin doziert und den Game Studies-Sammelband »Zwischen|Welten: Atmosphären im Computerspiel« im vwh-Verlag herausgegeben. Daneben schreibt er für wissenschaftliche Publikationen, Kulturmagazine sowie Online-Zeitungen diverse Artikel über die Partizipation an virtuellen Welten und die Kultur von Computerspielen.

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